Der Engel von Grantham

Episode von Serienmord & Wahnsinn von Martin Benes · 1. April 2026 · 16 min

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Einstieg: Der Moment der Erkenntnis

Es war ein unscheinbarer Frühlingstag im Jahr 1991 im Kinderkrankenhaus von Grantham, einer Kleinstadt in der englischen Grafschaft Lincolnshire. Die Station 4 wirkte ruhig. Maschinen piepsten im gleichmäßigen Rhythmus, Krankenschwestern bewegten sich routiniert zwischen den Betten. Doch hinter dieser Fassade aus Ordnung und Fürsorge hatte sich bereits etwas Unheimliches eingeschlichen.

Ein weiteres Kind hatte plötzlich aufgehört zu atmen.

Zunächst wirkte es wie ein medizinischer Notfall, wie er auf Kinderstationen vorkommen konnte. Doch als sich ähnliche Vorfälle häuften – unerklärliche Zusammenbrüche, plötzliche Herzstillstände, unerwartete Todesfälle bei zuvor stabilen Kindern – begann sich unter den Ärzten ein Gefühl auszubreiten, das sie nicht sofort aussprechen wollten: Misstrauen.

Und dieses Misstrauen richtete sich schließlich gegen eine junge Krankenschwester.

Ihr Name war Beverly Allitt.

Hintergrund: Eine unscheinbare Kindheit mit dunklen Mustern

Beverly Gail Allitt wurde 1968 in Grantham geboren. Sie wuchs als jüngstes von vier Kindern in einer scheinbar normalen Arbeiterfamilie auf. Nach außen hin gab es wenig Auffälliges. Doch bereits in ihrer Kindheit zeigte sie Verhaltensweisen, die später eine erschreckende Bedeutung gewinnen sollten.

Berichte aus ihrem Umfeld schilderten ein Mädchen, das häufig krank war – oder zumindest behauptete, krank zu sein. Sie suchte Aufmerksamkeit, häufig in Form von medizinischer Zuwendung. Es gab Hinweise darauf, dass sie Symptome vortäuschte oder sich selbst verletzte, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Ein Verhalten, das später im Kontext psychiatrischer Diagnosen als typisch für das sogenannte Münchhausen-Syndrom oder dessen Variante „Münchhausen by Proxy“ interpretiert wurde.

Während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester kam es zu weiteren Auffälligkeiten. Sie fehlte häufig, gab an, krank zu sein, und erschien gleichzeitig immer wieder überraschend gesund. Dennoch schloss sie ihre Ausbildung ab – nicht ohne Zweifel bei Ausbildern, die ihre Zuverlässigkeit infrage stellten.

1991 begann sie ihre Arbeit im Grantham and Kesteven Hospital. Es war eine Entscheidung, die für mehrere Familien verheerende Folgen haben sollte.

Die Opfer: Kinder, die hätten leben können

Die Opfer von Beverly Allitt waren besonders schutzlos. Es waren Säuglinge und Kleinkinder – Patienten, die ihr Leben in die Hände des medizinischen Personals gelegt hatten.

Einige waren schwer krank, andere befanden sich auf dem Weg der Besserung. Doch eines verband sie: Ihre plötzlichen Krisen traten fast immer auf, wenn Allitt Dienst hatte.

Unter den Opfern befanden sich unter anderem:

Liam Taylor, ein Säugling, der kurz nach seiner Aufnahme starb

Timothy Hardwick, ein elfjähriger Junge mit Epilepsie

Becky Phillips, ein kleines Mädchen, das einen Herzstillstand erlitt

Claire Peck, die nach einem mysteriösen Zusammenbruch starb

Katie und Becky Phillips, Zwillinge – eine von ihnen überlebte schwer geschädigt

Insgesamt wurden später vier Morde, drei Mordversuche und sechs Fälle schwerer Körperverletzung nachgewiesen.

Die Taten: Ein Muster aus Kontrolle und Inszenierung

Zwischen Februar und April 1991 ereignete sich eine Serie medizinischer Zwischenfälle, die zunächst nicht als zusammenhängend erkannt wurde. Doch rückblickend zeigte sich ein klares Muster.

Allitt nutzte ihre Position als Krankenschwester, um gezielt in die Behandlung ihrer kleinen Patienten einzugreifen. Sie verabreichte ihnen Insulin oder injizierte Luft in ihre Blutbahnen – Methoden, die zu plötzlichen, schwer erklärbaren Zusammenbrüchen führten.

In anderen Fällen manipulierte sie medizinische Geräte oder verabreichte falsche Medikamente.

Die Folgen waren dramatisch:

Kinder, die sich stabilisierten, kollabierten plötzlich. Einige starben innerhalb von Minuten. Andere überlebten – jedoch mit schweren, irreversiblen Hirnschäden.

Auffällig war, dass Allitt oft die Erste war, die bei den Notfällen zur Stelle war. Sie wirkte engagiert, reaktionsschnell, beinahe heldenhaft. Sie alarmierte Ärzte, begann Wiederbelebungsmaßnahmen, blieb ruhig.

Für Außenstehende schien sie eine engagierte Krankenschwester zu sein.

Für Ermittler später ein entscheidender Hinweis: Sie war immer da.

Die Ermittlungen: Der Verdacht nimmt Gestalt an

Zunächst gingen die Ärzte von unglücklichen Einzelfällen aus. Doch als sich die Vorfälle innerhalb weniger Wochen häuften, wurde man stutzig.

Ein Arzt soll später gesagt haben:

„Es war statistisch nicht mehr erklärbar.“

Die Krankenhausleitung begann, die Fälle genauer zu prüfen. Dabei fiel auf, dass nahezu alle Zwischenfälle während Allitts Schichten passiert waren.

Die Polizei wurde eingeschaltet.

Ein Kinderarzt, der an der Untersuchung beteiligt war, erkannte ein mögliches Muster von absichtlich herbeigeführten Krisen. Eine toxikologische Analyse ergab schließlich Hinweise auf ungewöhnlich hohe Insulinwerte in einigen Fällen – bei Kindern, die kein Insulin benötigten.

Das war der Wendepunkt.

Die Ermittler konzentrierten sich nun gezielt auf Allitt. Ihre Dienstpläne wurden überprüft, Patientenakten analysiert, Kollegen befragt.

Im Mai 1991 wurde Beverly Allitt festgenommen.

Das Geständnis, das nie kam

Während der Verhöre zeigte sich Allitt ruhig, teilweise distanziert. Sie bestritt die Vorwürfe nicht aktiv, gestand sie aber auch nicht.

Psychiatrische Gutachten wurden eingeholt. Experten diagnostizierten bei ihr eine schwere Persönlichkeitsstörung mit Merkmalen des Münchhausen-by-Proxy-Syndroms. Es wurde angenommen, dass sie durch das Herbeiführen von Krisen Aufmerksamkeit und Anerkennung suchte.

Ein Motiv im klassischen Sinne – etwa Hass oder finanzieller Gewinn – konnte nicht festgestellt werden.

Was blieb, war ein Bild von Kontrolle, Inszenierung und dem Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen.

Der Prozess: Ein Land im Schockzustand

Der Prozess gegen Beverly Allitt begann im Jahr 1993. Die Öffentlichkeit verfolgte ihn mit großer Aufmerksamkeit. Die Vorstellung, dass eine Krankenschwester – eine Person, die Leben schützen sollte – zur Täterin geworden war, erschütterte das Vertrauen in das Gesundheitssystem.

Die Anklage legte detailliert dar, wie Allitt ihre Opfer auswählte und welche Methoden sie verwendete. Medizinische Gutachten spielten eine zentrale Rolle.

Die Verteidigung argumentierte mit ihrer psychischen Erkrankung.

Doch die Beweislage war erdrückend.

Im Mai 1993 wurde Beverly Allitt in vier Fällen des Mordes, drei Fällen des Mordversuchs und sechs Fällen schwerer Körperverletzung schuldig gesprochen.

Das Urteil: 13-mal lebenslange Haft.

Sie wurde in eine Hochsicherheits-Psychiatrie eingewiesen.

Nachwirkungen: Ein Fall, der das System veränderte

Der Fall Beverly Allitt hatte weitreichende Konsequenzen.

Das Krankenhaus wurde scharf kritisiert. Es wurde festgestellt, dass es bereits vor den Taten Hinweise auf Allitts problematisches Verhalten gegeben hatte. Dennoch wurde sie eingestellt.

In der Folge wurden Einstellungsverfahren im britischen Gesundheitswesen verschärft. Hintergrundprüfungen wurden intensiviert, Meldewege für auffälliges Verhalten verbessert.

Auch das Bewusstsein für Täter im medizinischen Bereich veränderte sich.

Der Fall war kein Einzelfall – aber einer der bekanntesten.

Gesellschaftliche Reflexion: Vertrauen und Kontrolle

Der Fall stellte grundlegende Fragen:

Wie konnte eine einzelne Person über Wochen hinweg unentdeckt bleiben?

Warum wurden Warnsignale übersehen?

Und wie lässt sich ein System schützen, das auf Vertrauen basiert?

Die Antwort lag in einer Mischung aus strukturellen Schwächen, personellen Engpässen und einem grundlegenden Vertrauen in medizinisches Personal.

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